Vinyl Digitizing
Vorbemerkung
Analog oder digital?Über die Frage und ihre Antworten können ganze Bücher geschrieben werden. Ich als Pragmatiker mit naturwissenschaftlichem Background sehe die Sache recht nüchtern:
Zweifelsohne ist die analoge Musikwiedergabe theoretisch das Optimum, gibt es doch keinerlei Einschränkungen im Frequenz- und Dynamikumfang. Während eine CD technisch bedingt keinerlei Frequenzen oberhalb von 22,050kHz besitzt, geht der Frequenzbereich sowohl bei der Herstellung einer Schallplatte, als auch bei guten Abtastsystemen deutlich darüber hinaus. Und daß diese nicht mehr hörbaren Obertöne einen Einfluß auf das Klangbild haben könnten, kann man sich vorstellen, wenn man Interferenzschwingungen und die durch Mischungen entstehenden (deutlich niederfrequenteren) neuen Töne betrachtet.
Soweit die Theorie. Praktisch sieht es aber so aus, daß auch die besten Tonabnehmer machtlos sind, wenn das Ausgangsmaterial, die Schallplatte, keinen sauberen Ton mehr hergibt. Und je höher die Frequenzen sind, umso größer sind die Ansprüche an eine saubere Abtastung. Schon eine mehrmals trocken abgespielte Platte wird in solchen Passagen so "abgenudelt" sein, daß es zu hörbaren Verzerrungen und zu gänzlich unerwünschten und im Original selbstverständlich nicht vorhandenen Mischprodukten kommt.
Und dann besteht ja immer noch das Problem der Mechanik: Jedes Cassettengerät, jeder Plattenspieler hat mehr oder weniger starke Gleichlaufschwankungen, Abtastfehler (Azimuth, Skating, falsches Auflagegewicht), Abnutzungserscheinungen, Alterungserscheinungen, ganz zu schweigen von Dropouts bei Cassetten oder verschmutzten Tonrillen. Zudem werden so gut wie keine bezahlbaren Analoggeräte mehr hergestellt und die Ersatzteilsituation für Altgeräte sieht, gelinde gesagt, bescheiden aus.
Soll man wirklich all das in Kauf nehmen, um am Ende zwar "theoretisch" den besseren Klang zu haben, oder soll man nicht doch eher gleich zur Digitalaufnahme greifen, die vielleicht ein klein wenig "steril" klingt (kein Wunder, gibt es doch keine längst gewohnten Störgeräusche und Verzerrungen, sondern nur einen mathematisch/klinisch reinen Klang), dafür aber technisch fast perfekt ist und keinerlei Alterserscheinungen obliegt?
Für mich persönlich dient die Vinyl-Digitalisierung dazu, die Inhalte von Schallplatten in ein wesentlich bequemeres Format mit wahl-, alterungs- und verschleißfreiem Zugriff umzuwandeln, und so auch dann noch Zugriff auf die Musikinhalte zu gewähren, wenn wiedermal der Plattenspieler irreparabel defekt ist, oder die Tonnadel am Ende ist oder, oder oder.
Analog-Puristen werden jetzt aufschreien, aber jede bessere Soundkarte bietet schon lange einen um Welten besseren Dynamikumfang und Frequenzgang, als jeder bezahlbare Plattenspieler. Zudem leidet jede Platte bei jedem Abspielvorgang, ebenso die Tonnadel.
Was also liegt da näher, als seine Platten hiermit in ein qualitativ überlegeneres Medium umzuwandeln.
Natürlich ist der Umwandlungsprozeß nicht ganz einfach und vor allem recht zeitraubend, aber das Ergebnis kann sich wirklich hören lassen und die dann gut eingelagerten Schallplatten-Schätze profitieren am Ende auch davon.
Um zu einem, für Analogfans versöhnlichen Ende zu kommen: Das Zelebrieren eines Abspielvorgangs, mit Reinigung der Nadel, Geschwindigkeitskontrolle per Stroboskop, vorsichtigem Positionieren des Tonarms und schließlichem Absetzen deseelbigen, das alles können digitale Medien nicht bieten - und das ist trotz allem schon ein wenig schade und irgendwie gehört es zu einem rundum perfekten Hörerlebnis eigentlich dazu...
Die Reinigung
Eine gründliche Reinigung des Ausgangsmaterials ist das A und O beim Digitalisieren. Jeder Knackser der nicht nachträglich entfernt werden muß, jede nicht verdreckte Rille spart nicht nur viel Nachbearbeitungszeit, sondern wirkt sich auch positiv auf die Gesamtqualität aus, da jeder Filter nicht nur das Störsignal abmindert, sondern auch das Originalsignal verfälscht.Schallplattenreiniungsgeräte gibt es von 40 Euro bis zu vielen tausend Euro. Worauf man zurückgreift hängt einerseits vom eigenen Anspruch ab, andererseits sollte aber ein gesundes Verhältnis vom Preis des Ausgangsmaterials zum Reinigungsgerät bestehen. Eine 10ct-Flohmarktscheibe mit einem 2000 Euro-Gerät abzusaugen wäre hier recht witzlos.
Knosti "disco-antistat"
Die günstigste und dennoch durchaus praktikabelste Lösung ist die "disco-antistat" von Knosti, eine Plastikwanne die mit Spezialflüssigkeit gefüllt wird, und in der die Platten gedreht und mit zwei Bürsten gereinigt werden.Der Vorteil liegt ganz klar auf der preislichen Seite, 40 Euro für das Gerät incl. 1 Liter Flüssigkeit sowie jeder weitere Liter für weniger als 20 Euro reißen kein Loch in den Geldbeutel.
Der Nachteil liegt zum Einen in der recht zeitaufwändigen Bearbeitung (ein bis zwei Minuten pro Platte, dazu noch ~10 Minuten Abtropfen, sowie nochmal ~10 Minuten Nacharbeit (siehe unten)), und in der Tatsache, daß die Flüssigkeit aus Kostengründen mehrmals verwendet werden muß.
Verbesserungen
Die erste Verbesserung ist, jede Platte grundsätzlich nur vorgereinigt (mit einem Antistatiktuch) in die Knosti zu geben. Doch Vorsicht! Bei stark verschmutzten Platten muß sehr aufgepaßt werden, keine Kratzer durch Sand o.ä. zu erzeugen!Wie bereits ausgeführt, ist einer der Hauptkritikpunkte der Knosti, daß die Reinigungsflüssigkeit mehrfach verwendet werden muß. Es wird zwar ein Filter-Vlies mitgeliefert, aber der Filter (und auch die Knosti-Wanne selber) ist so unglücklich konstruiert, daß es wahlweise eine riesige Sauerei gibt, oder aber die Flüssigkeit nur sehr mangelhaft gefiltert wird.
Das Zurückfiltern geht daher am einfachsten und gleichzeitig mit weitem Abstand am saubersten, wenn
man es durch einen Kaffeefilter laufen läßt. Alleine schon die Rückstände, die im Filter zurückbleiben
und dafür sorgen, daß die letzten 50ml fast eine halbe Stunde benötigen, zeigt, wie effizient
diese Methode ist. Und nebenbei geht auch fast keine Flüssigkeit verloren.
Das einzige, was auch hier nicht gefiltert werden kann, sind vollständig in der Flüssigkeit
gelöste Stoffe, die eine immer stärker bräunliche Verfärbung zur Folge haben. Einen Einfluß auf
die Reinigungswirkung hat dies aber nicht, oder wenn, dann nur marginal
Schritt 2 der Verbesserung ist, jede gewaschene und getrocknete Platte mindestens einmal komplett
auf einem (zweckmäßigerweise ausrangierten und geschwindigkeitsmäßig etwas aufgebohrten) Spieler
abzuspielen. Was da noch an der Nadel hängenbleibt, ist manchmal recht beeindruckend, und man kann
froh sein, das dann beim "richtigen" Abspielvorgang nicht an der Nadel als "Dämpfungselement" hängen
zu haben.
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Der Nachteil ist, daß trotz paralleler Abarbeitung wenigstens 5 Minuten pro Single (und entsprechend mehr bei einer LP) investiert werden müssen. Der Vorteil ist eine dann kaum mehr verbesserbar saubere Platte. Nur wirklich angebackener und festgedrückter Schmutz kann auch hiermit nicht entfernt werden.
Schritt 3 der Verbesserung ist, auf Schritt 2 zu verzichten und nach der 2-Knosti-Methode (die auf TNT-Audio ausführlich beschrieben ist, vorzugehen.
Hierbei wird eine zweite Knosti-Reinigungswanne verwendet, die ausschließlich mit
demineralisiertem (destilliertem) Wasser gefüllt ist. In ihr werden die Rückstände der
Knosti-Flüssigkeit (die natürlich noch nicht angetrocknet sein dürfen) restlos entfernt. Dadurch,
daß demineralisiertes Wasser verwendet wird, ist auch sichergestellt, daß sich keine Rückstände
beim Trocknen bilden können.
Dennoch ist es wichtig, die hier abgespülten Platten ca. eine Stunde lang im Trockenständer
immer wieder leicht zu drehen, so daß Stockflecken (die sich in der Praxis leider doch bilden!)
vermieden werden.
Wenn man so vorgeht, erhält man perfekt gereinige, antistatische Platten, die beim Abspielen
keinerlei Rückstände mehr an der Nadel hinterlassen. Besser schafft das auch keine zigmal so
teuere, "richtige" Plattenwaschmaschine.
Weitere Verbesserungsmöglichkeiten
... bestünden zumindest in der Theorie, beispielsweise durch Erwärmen der Reinigungsflüssigkeit, um eine intensivere Reinigungswirkung zu erhalten. Praktisch ist das aber durch die Konstruktion der Knosti-Wanne nur schwer umzusetzen.Digitalisierung
Nach dem ausgiebigen Waschen und Nachbearbeiten der Platten erfolgt das Digitalisieren schließlich auf einem Dual CS714Q, der aktuell mit einer Dual DN-152E Tonnadel versehen wird und am Phono-Eingang eines Onkyo A8670 hängt. Um dieser sehr guten Kombination gerecht zu werden, muß rechnerseitig schon ordentlich geklotzt werden: Das Line-out-Signal des Verstärkers wird von einer 1999er Soundblaster 128 PCI aufgenommen, die in einem 2008er QuadCore-Rechner mit Asus-Mainboard residiert.Softwareseitig kommt Ubuntu Linux als Betriebssystem, sowie Audacity als Harddisk-Recording-System zum Einsatz. Wichtig ist hierbei, Pulseaudio zu eliminieren, und stattdessen die Aufnahme über Jack (latenzfreier Soundserver) laufen zu lassen und gleichzeitig möglichst wenig Last auf dem System zu verursachen.
Mit dieser Idealkombination können die wertvollen Vinylschätze in bestmöglicher Qualität digitalisiert werden.
Zur späteren Verwaltung der Original-Medien kommt das selber geschriebene und noch in der Entwicklung befindliche wmmusic zum Einsatz, das in der Lage ist, meine Sammlung mit weit über 1000 Tonträgern adäquat zu verwalten.
Aufwand
Kurz ein paar Worte zum Aufwand, der nötig ist, um beispielsweise eine einzige Single (7 Zoll) zu digitalisieren:| Reinigung Knosti 1 (manuell) | 1 Minute |
| Spülen Knosti 2 (manuell) | 1 Minute |
| Trockenvorgang Knosti | ca. 1h (überwacht) |
| Überspielvorgang | 6-8 Minuten |
| Nachbearbeitung/Schnitt/ggf. Declicking (manuell) | 5 Minuten |
| Umwandlung in mp3 (per Skript) | 1 Minute |
| Tagging (manuell) | 2 Minuten |
| Eintragen in Datenbank (wmmusic; manuell) | 2 Minuten |
| Gesamtaufwand | 20 Minuten + Trockenvorgang |
Wenn man dann noch die Anfangsinvestition in einen guten Plattenspieler, eine gute Soundkarte, die Knosti Disco-Antistat berücksichtigt, genauso wie, daß eine Tonnadel nur wenige hundert Betriebsstunden hält und dann für teueres Geld ausgewechselt werden muß, sieht man, daß die Vinyl-Digitalisierung ein recht teueres, vor allem aber sehr aufwändiges Hobby ist. Aber die vielen, dadurch wieder zugänglichen Musikstücke, die es nicht käuflich zu erwerben gibt, entschädigen dafür.



